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Wer Grundschullehrer/in wird, muss auch Mathematik unterrichten können

Reinhard Strehl, em. Mathematikprofessor an der Universität Lüneburg, Deutschland 

In der Grundschule ist aus guten, pädagogischen Gründen das Klassenlehrerprinzip vorherrschend. Eine Lehrerin, ein Lehrer sollte zumindest für die lernbegierigen Schulanfänger und zumindest in den Kernfächern Bezugsperson sein. Außerdem: Das Kernfach Mathematik macht auch Spaß; denn kleine Kinder mögen den Mathematikunterricht. Es wäre also töricht, das Fach Mathematik in der Ausbildung zu meiden, wenn man es in der Praxis braucht. Zu bedenken ist hierbei, dass die angeblich praxisnahe Ausbildung in der so genannten "zweiten Phase" nur in den Fächern erfolgt, die auch schwerpunktmäßig studiert worden sind. 

Mathematik ist ein begehrtes Fach mit hervorragenden Einstellungschancen 

Ein bildungspolitisches und zugleich ein sehr pragmatisches Argument: Ein riesiger Teil des Mathematikunterrichts an Grundschulen wird fachfremd erteilt. Im Bundesland Niedersachsen ist es möglich, Mathematik als Fach "wegzuwählen", und wegen der zwar unnötigen, aber vorhandenen Ängste, wird von dieser Möglichkeit auch reichlich Gebrauch gemacht. Das Ergebnis: Schlecht oder gar nicht für das Fach ausgebildete Lehrer geben schlechten Mathematikunterricht. Schüler, die unter schlechtem Mathematikunterricht gelitten haben, scheuen sich dann, im Lehrerstudium gerade dieses Fach zu wählen. Und so weiter und so fort. 

Auch dieser Teufelskreis - der unnötig ist - trägt zu den inzwischen bekannt gewordenen schlechten Ergebnissen der deutschen Schulen in internationalen Vergleichsuntersuchungen bei. Schulleiter wissen, dass fachfremder Unterricht für Schüler wie für Lehrer eine Belastung ist. Schulleiter suchen also nach jungen Lehrkräften, die nicht nur bereit, sondern auch qualifiziert sind, Mathematik zu unterrichten. Unter diesem Gesichtspunkt ist es auch unvernünftig, das Fach Mathematik im Studium zu meiden, nur weil man alles mit "sehr gut" abschließen möchte. Im Gegenteil: Ein "gut" oder "befriedigend" im Fach Mathematik ist im Blick auf die Einstellungschancen allemal "wertvoller" als das "sehr gut" in manchen anderen Fächern. 

Keine Angst vor Mathematik im Lehrerstudium!
 

Wer in der gymnasialen Oberstufe mit Differential- und Integralrechnung zu tun und dabei vielleicht seine Schwierigkeiten hatte, mag befürchten, dass es im Studium nun mit Doppelintegralen weitergeht. Doch das ist falsch. Die mathematischen Inhalte aus der gymnasialen Oberstufe sind notwendig als Voraussetzung und Grundbildung für das Studium zahlreicher Wissenschaften, in denen es ohne ein bisschen Mathematik und ohne die beim Umgang mit Mathematik entwickelten und geschulten Denkweisen einfach nicht geht. 

Im Lehrerstudium geht es dem gegenüber um ganz andere Zielsetzungen, vor allem um den fachlichen Hintergrund der Schulmathematik. Die Frage nach den mathematischen Grundlagen des Zahlbegriffs, nach dem Aufbau der elementaren Rechenoperationen oder nach den einfachen geometrischen Konstruktionen sowie den Eigenschaften geometrischer Figuren - das alles sind Inhalte von zentraler Bedeutung für den Mathematikunterricht. Es sind aber Dinge, die einem künftigen Naturwissenschaftler, Statistiker oder Diplom-Mathematiker kaum weiterhelfen. Im Gegensatz zum hohen Anspruch und Tempo eines mathematischen Diplom-Studiums, welches unter anderem die gefürchteten Inhalte der gymnasialen Oberstufe fortsetzt, kann man im Lehrerstudium bei neuen Inhalten und anderer Akzentsetzung mit gesundem Menschenverstand - mehr wird nicht gebraucht - einen ganz neuen Zugang zur Mathematik suchen und finden. 

Rechnen mit Kindern, kann das nicht jeder? 

Leider nicht. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, die eigene Beherrschung der Grundrechenarten würde ausreichen, um Kindern zu zeigen "wie’s geht". Die Zahlen, die geometrischen Grundfiguren und Beziehungen, das so genannte logische Denken sind abstrakte Gegenstände und Vorgänge, die man nicht beobachten kann wie die Blume im Fenster des Klassenzimmers. Die Schulung des Denkens der Kinder - und was wäre spannender, als zu erleben, wie es in den Köpfen der Kinder "klick" macht - der Zugang zu den abstrakten Gegenständen und Gesetzen der Mathematik ist meist nur möglich auf dem Weg über Veranschaulichung, über Bilder, in denen die abstrakten Inhalte sichtbar werden, und über den aktiven Umgang mit Materialien, in denen die mathematischen Regeln sich widerspiegeln und erfahrbar werden. Deshalb gibt es im Fach Mathematik für die Grundschule so viele "Spielsachen", die man dann Lernmaterialien nennt. Das Studium der Fachdidaktik soll dazu führen, diese Dinge nicht nur kennenzulernen, sondern die mathematischen Lernprozesse bei Kindern besser zu verstehen, um sie dann auch selbstständig anregen zu können.

Kurz: Die Psychologie des Mathematik-Lernens ist wichtiger als die eine oder andere Formel. Weil solche Qualifikationen das eigentliche Ziel des Studiums sind, hat die Fachdidaktik besonders für die Grundschule eine zentrale Stellung und rein quantitativ auch mehr Gewicht als im Studium der meisten anderen Schulfächer. Doch hier schließt sich der Kreis der Argumente zur Fächerwahl: Ebenso wie die mathematischen Grundlagen der Schulmathematik sind auch die fachdidaktischen Inhalte nichts, was man ad hoc nachlesen und anwenden könnte, sondern etwas, womit man sich im eigenen Umgang mit Mathematik nach und nach vertraut machen muss. Ohne eine Vorbereitung im Rahmen des Studiums und seiner Weiterführung in der zweiten Phase der Lehrerausbildung wird ein erfolgreicher Mathematikunterricht nur selten gelingen.