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"Zuviel des Guten" und "das Gute im Schlechten"

Friedemann Schulz von Thun stellt im Band 2 seines Buches „Miteinander reden“ ein Schema vor, mit dem man eigene Werte, Kompetenzen und auch Persönlichkeitsmerkmale klären und Ansätze für die persönliche Weiterentwicklung identifizieren kann. Die dahinter stehenden Überlegungen sind auch für die Laufbahnberatung nützlich:

  • Zu jedem Persönlichkeitsmerkmal gibt es ein komplementäres Merkmal, zu dem es in ausgewogener Balance stehen sollte: „Sparsamkeit“ braucht z.B. „Großzügigkeit“ als Gegenpol.
  • Jedes an sich wünschenswerte Merkmal kann auch im Übermaß vorliegen. Aus Sparsamkeit wird dann „Geiz“, aus Großzügigkeit „Verschwendungssucht“.

In der Beratung kann es hilfreich sein, Personen auf solche „entwertende Übertreibungen“ hinzuweisen. Zugleich sollte ihnen bewusst gemacht werden, dass darin eine ihrer besonderen Stärken erkennbar wird, z.B. im Geiz ihre Fähigkeit zur Sparsamkeit.

Bei den für den Lehrerberuf besonders relevanten Persönlichkeitsmerkmalen Kontaktbereitschaft, Stabilität und Selbstkontrolle verhält es sich ebenso:

Zuviel des Guten

Übertrieben kontaktbereite Personen brauchen in hohem Maß die Interaktion mit anderen, sie sind ständig auf der Suche nach „Action“. Ihnen wird schnell langweilig, z.B. wenn Schüler/innen längere Zeit konzentriert mit einer Arbeit beschäftigt sind. Sie neigen daher dazu, Unterricht als eine „Show“ zu inszenieren, die fachlichen Tiefgang unmöglich macht.

Psychisch übermäßig stabile Personen sind durch nichts aus der Ruhe zu bringen, sie stoßen sich daher z.B. nicht an ungünstigen Arbeitsbedingungen für sich selbst, und sie sind auch unsensibel, wenn andere Probleme haben, z.B. wenn Schüler/innen gemobbt werden.

Personen mit zu starker Selbstkontrolle wollen „alles richtig machen“ und halten zwanghaft an Zielen fest, auch wenn diese nicht mehr passen. Sie wirken deshalb oft unlebendig. Von ihren Schüler/inne/n und Kolleg/inn/en erwarten sie meist dieselbe Selbstdisziplin und denselben Perfektionismus wie von sich selbst.

Das Gute im Schlechten

Wenn Personen ausgeprägt sachorientiert sind, dann werden sie eher als kontaktfreudige dazu in der Lage sein, im Unterricht „die Sachen zu klären“ (Hartmut von Hentig). Es ist auch zu erwarten, dass sie Leistungen der Schüler/innen „objektiv“ beurteilen.

Psychisch labile Personen sind hoch sensibel, erkennen früher als andere Gefahren und Risiken. Sie verstehen aus der Erfahrung eigener Verletzlichkeit oft gut die Gefühle anderer und nehmen Rücksicht auf Schüler/innen und Kolleg/inn/en, die eine ähnlich „dünne Haut“ haben wie sie selbst.

Unkontrollierte Personen haben oft das Talent, den Tag zu genießen und spontane Einfälle zu verwirklichen. Da ihnen das Festhalten an Prinzipien fremd ist, können sie mitunter in einer verfahrenen pädagogischen Situation eine unorthodoxe, jedoch pragmatische Lösung finden.

jm