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Aus einem Brief

Die Kindergartentanten, die mir schon einiges an Vertrauen entgegenbringen, führten mich zu Hütten, in denen Menschen unter ganz erbärmlichen Verhältnissen leben. Sie stellten mir eine blinde Oma mit ihrem fünfjährigen Enkel Daniel vor: "Poldi, bitte such in Österreich jemanden, der die Kosten für das Essen bezahlt, dann können wir Daniel aufnehmen." Obwohl ich mit Daniel einige Zeit spielte und ihn streichelte, gelang es mir nicht, diese traurigen Augen zum Lachen zu bringen. Wie viel Leid dieses kleine Geschöpf wohl schon erlebt hat? Die Oma erzählte dann, dass Vater und Mutter eines Nachts einfach aus diesem Elend verschwunden sind und den Buben zurück ließen. Was soll sie als blinde, alte, abgemagerte Frau tun? Ich habe versprochen, wenn ich nach Österreich komme, werde ich davon erzählen und vielleicht finde ich jemanden, der 150 Schilling im Monat aufbringen kann, damit Daniel ein Zuhause hat. Unter Tränen bedankte sie sich, und ich kann die Gefühle nicht beschreiben, die ich empfand: Tränen des Dankes aus blinden Augen, die Armseligkeit der Hütte, Schmutz und Wasserpfützen vor der Hütte, das traurige, magere Kind in meinen Armen, die Hoffnungslosigkeit, wenn ich keinen Mitmenschen finde, der mir hilft um zu helfen. Von dieser Hütte gingen wir nicht weit zu einem noch bewegenderen Schicksal: Eine 30-jährige Frau auf der Totenbahre. Sie war bei der Geburt ihres fünften Kindes gestorben - das älteste ist sechs Jahre. Der Vater ist der "Slumdroge" Klebstoff verfallen. In diesem Bretterverschlag eine Bahre, weinende Kleinkinder, betroffene Gesichter von Großeltern, Verwandten. "Ja, die Hütte muss verpfändet werden, wir können die 2.500 Schilling für das Begräbnis nicht bezahlen." Im Vertrauen auf meine Helfer im Heimatland beglichen wir die Summe beim Leichenbestatter und Padre Roberto ließ von zwei Arbeitern eine "Einzimmerhütte" mauern, die wir Anfang November eingeweiht und den Großeltern übergeben haben.

(Leopoldine Ganser, 26. November 1996)